Mein Vater

Als Vladimir über die russischen Feldstraßen im grauen, mitgenommenen Lada Niva seines Jugendfreundes rast, ist er nicht länger 52. Er fühlt sich wieder wie 18. Seine Augen strahlen im jugendlichen blau, so wie seine vom Alter ausgeblassten Haare erneut schwarz schimmern. Das Grau darin weicht. Ebenso seine Narben. Diese sind Erinnerungen an seine Dienstzeit beim sowjetischen Militär und seiner Jugend auf dem Hof. Sie verblassen mit jedem Meter mit dem er sich seiner Heimat nähert.  Erst, als er seine Geburtsstadt Sewerni Powluschkin, eine Stadt im Süden Russlands, erreicht, hält er an. Er hüpft aus dem Wagen und deutet auf das leere Feld vor ihm. Ein großer Fliederbusch hat hier sein Lager aufgeschlagen. „Hier ist unser Haus“, verkündet er mit Nostalgie in seinen Augen.

Er tritt zwischen zwei Ästen eines Fliederbusches hindurch. Er sieht nur die Tür, die in das Innere eines Hauses führt, dass schon seit über 30 Jahren nicht mehr steht. Zimmer für Zimmer streift er durch das Haus und berichtet voller Sehnsucht, welche Zimmer das waren und welche Möbel sie hatten. Es war nicht viel, doch es war sein Heim. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf die Ziegel, die achtlos auf einen Haufen vor ihm liegen. Sie sind die Überreste eines alten Ofens: Dem Ort seiner Geburt.

Seine Augen werden feucht, füllen sich mit Tränen. Eine Art und Weise, auf die er so gut wie nie Gefühle äußert.  Der Tod seines Vaters hat ihn zurück in seine Heimat geführt. Er vergießt dennoch keine Träne, aber nicht, weil er kalt und emotionslos ist. Er wischt sie einfach weg. Er will stark für seine Familie sein, die mit ihm trauert. Schon immer hat er seinen eigenen Schmerz, seine eigenen Gefühle, zurückgestellt, um denen zu helfen, die ihm wichtig sind und die er von Herzen liebt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um seine Geschwister, Eltern, Frau oder Kinder handelt. Sieht er jemanden mit einer Autopanne am Straßenrand, hält er unverzüglich an, um seine Hilfe anzubieten.

Aufgrund seiner Einberufung zum Militär, hat er den Hof und seine Familie verlassen. Eine Wahl hatte er zur damaligen Zeit nicht. Diese Zeit prägte ihn maßgeblich, doch es hat sein gutherziges und optimistisches Wesen weder getrübt noch zerstört. Während seines Studiums an der Hochschule in Moskau – es folgte direkt nach seiner Dienstzeit – verliebt er sich Hals über Kopf in die sechs Jahre jüngere Natalia. Er schwängert sie – zu der damaligen Zeit in der Stadt eine Tragödie. Ohne zu Zögern hinterließ er sein Leben in Russland, brach sein Studium ab, verließ die Partei, nur um bei seiner Frau und seinem Kind sein zu können. Das alles waren keine leichten und seinerzeit gefährlichen Schritte. Doch Zweifel verspürte er nie.Dieser Mann kennt seine Prioritäten. Und für die Menschen, die er liebt, hat und wird er alles in Kauf nehmen.

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