Die Asche meines Großvaters

Stillschweigend steht Antonina am Grab ihres Vaters. Tränen fließen an ihren bleichen Wangen herab. Ihr Bruder Vladimir weicht nicht von ihrer Seite, denn er spürt und teilt ihren Schmerz. Neben seinem eigenen Vater wird der verstorbene Nikita von nun an ruhen. Seinem geliebten Vater, mit dem es ihm nicht vergönnt war, zu Lebzeiten sich zu versöhnen.

Bereits im Januar ist mein Großvater Nikita verstorben und wurde eingeäschert, die Beisetzung findet aber erst im Mai statt. Antonina ist fest entschlossen, seinen letzten Willen zu erfüllen. Dieser sah vor, dass er von seinem Sohn Vladimir, meinem Vater, in seinem Heimatdorf „Werchni Powluschkin“ zur Ruhe gebeten wird. Ich begleite meinen Vater bei all dem, denn ich weiß, wie schwer ihm all das trifft.

Unsere Reise beginnt am Freitag, mit dem Flug nach Russland. 3 Stunden Flug und zahlreiche Sicherheitskontrollen später, können wir den Flughafen in Moskau verlassen. Es regnet in Strömen. Das Wetter passt zu unserer Laune. „Das ist doch kein Problem“, kommentiert Petja, Antoninas Schwiegersohn, den einstündigen Weg in eine Richtung, den er zurücklegen muss, um uns abzuholen. Diese Hilfsbereitschaft begleitet uns die gesamte Reise über.

Obwohl der Regen bereits am nächsten Tag klaren Sonnenstrahlen weicht, hält die drückende Stimmung bis zum letzten Abschied an. Antoninas Stimme zittert, als sie uns die weiteren Pläne mitteilt. Obwohl ich aufmerksam zuhöre, kann ich mir nur schwer vorstellen, was alles noch auf uns zukommen wird. Die russisch-ländlichen Bräuche sind für mich nichts als ein großes Fragezeichen.

18 Stunden Fahrt nach Buguruslan, eine Stadt im Süden Russlands, stehen uns am Montag bevor. In einem Zug. Die Urne mit der Asche meines Großvaters reist mit uns. Wir stellen uns vor, was er zu unserem Essen oder dem Coupé sagen würde: „Wagon 13, Coupé 6. Passt gut auf, Kinder, denn das wird ein Spaß.“ Beides Unglückszahlen, die er als besonders lustig empfand, um anderen mit dunklen Prophezeiungen Angst einzujagen.

Des Nachts vermag keiner von uns richtig zu schlafen. Wir liegen wach, starren an die Decke, drehen uns um, lauschen den Geräuschen aus den Nachbarcoupés und meine Gedanken kreisen nur um den nächsten Tag.

Nadja und Sergej, Kindheitsfreunde von meinem Vater und seiner Schwester, fallen uns überglücklich um den Hals, als wir am nächsten Tag in Buguruslan aussteigen. Kein zivilisierter Weg führt von den Gleisen zum Parkplatz. Direkt über die Schienen müssen wir laufen und so auch meine Großmutter transportieren. Sie ist nicht im Stande, sich ohne fremde Hilfe fortzubewegen. Sie verlor ihr Bein durch eine Blutvergiftung vor über sechs Jahren. Niemand wundert der von uns gewählte Weg. So ist es hier üblich.

Schreibe einen Kommentar