Ein Tagraum: Wenn Fußball entscheidend wäre

Fassungslos starren wir auch den dröhnenden Fernseher. Die deutsche Nationalmannschaft hat verloren. Unglaublich. Wer hätte das gedacht. Der Nachbar in der Wohnung unten stampft aus der Wohnung in seinen Garten. „Deutschlandfahne zu verschenken“, bietet er großzügig und lautstark der Nachbarschaft an, während im Hintergrund seine Bayernfahne im Wind weht.

„Zum Glück werden Kriege nicht mit Fußball ausgetragen“, freut sich mein Mann Wilhelm. „Zum Glück“, kann ich ihm nur zustimmen.

Kriege mit Fußball austragen. Oder Fußball statt Wahlen. Das stelle man sich erst einmal vor! Ich verfalle in einen Tagtraum.

Anstatt dass wir uns zu den Wahlstuben begeben, treten die parteieigenen Mannschaften gegen einander an. Dem Ergebnis muss sich jeder fügen. Es steht nicht zur Diskussion, was richtig ist oder wer Recht hat. Entscheidend ist nur der Gewinner. Das Ergebnis ist eindeutig und wir müssen nicht rätseln, wer uns eigentlich gerade regiert. Es gibt keinen Koalitionsstreit, da die Positionen eindeutig durch das Ranking bei den Spielen festgelegt ist. Der Verantwortliche für getroffene Entscheidungen ist zu jedem Zeitpunkt ersichtlich.

Treten Fragen auf, in denen keine Einigung erzielt werden kann, ist die Lösung denkbar einfach: Man klärt die Frage im Rahmen eines Spieles. Verliert die eigene Mannschaft zu oft, wird es Zeit für einen neuen Trainer. Ein Mal reicht auch schon vollkommen aus, um ihn feuern zu wollen. Es kann nie und nimmer sein, dass es an den Spielern liegt, die sich siegessicher auf Lorbeeren ausruhten. Vielleicht bin sie auch einfach nicht ganz auf der Höhe gewesen. Kann ja mal passieren. Im Nachhinein ist da so oder so schwer zu bestimmen.

Mit Kriegen steht es nicht anders. Genügen 90 Minuten nicht, um klare Machtverhältnisse zu schaffen, geht es in die Verlängerung. Sollte hier keine Einigung erzielt werden, dann fordern wir unseren Spielern einfach noch ein Elfmeter ab. Wenn sie so lange ausgehalten haben, dann schaffen sie das auch noch. Selbst wenn es bei dem Grad der Erschöpfung mehr ein Glücksspiel ist.

Das wäre nicht der einzige Vorteil. Die Bürger würden sich wieder für Politik interessieren. „Hey? Hast du gestern das Spiel gesehen? Unser neuer Bürgermeister ist von der Afd!“, hört man vielleicht dann von den Nachbarn unten sagen. Und dass kürzliche Engagement von Seehofer rechtfertigt ja auch eine Bayern-Fahne im Garten.

Auch die Umweltbewussten unter uns können sich darüber freuen: Wir sparen Energie. Eine relativ effiziente und umweltschonende Form der Auseinandersetzung. Vor allem, wenn die Alternative in Atomwaffen besteht. Mal ganz abgesehen von den ganzen Menschenleben, die verschont werden.

So reizend das auch alles klingt, bleiben wir auf dem Boden der Tatsachen: Die deutsche Nationalmannschaft hat sein bestes gegeben und dennoch verloren. Aber wir schaffen das. Mit neuem Trainer oder altem Trainer mit neuem Schliff.

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