Deutschlands Maere – Teil 3 – Die Welle

Wider Erwarten, wich der Spatz nicht zurück, als der Mann an ihn herantrat. Im Gegenteil – es flog ihm sicher entgegen. Und setzte sich ruhig auf seine Schulter, wie er zuvor bei dem Mann, der seine Farbe und Familie verraten hatte, nur, um mit dem Adler kommunizieren zu können. Kaum, dass er gelandet war und noch ehe, er sicher saß, begann er bereits wild zu piepsen, als klage er ihm sein gesamtes Leid. Der Mann sprach kein Wort, lauschte ausschließlich den Piepsen des kleinen Vogels und blendete alles andere um sich herum aus. Vielleicht war das der Moment, in dem der Adler hätte auf sich aufmerksam machen müssen. Doch er hatte ihn verpasst.

Der Mann und der Spatz liefen zurück in das Dorf. Die Sonne stand am Horizont in voller Höhe. Der Adler blickte ihnen ohne jegliches Gefühl zu verspüren hinterher. Es drang sich ihm die Frage auf, ob sie wohl einander verstanden – der Spatz und der Mann. Doch das konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen. Wenn sie ihr eigenes Blut nicht erkannten, so erst recht nicht das fremde. Wie er schon bald feststellen durfte, irrte er sich.

Dieser Mann lebte anders als die anderen Menschen. Die ersten Menschen, die er hier kennengelernt hatte, lebten in Armut und prahlten mit Schätzen, von denen sie träumten, sich aber nicht schmücken konnten. Dieser lebte in Prunk, besaß jedoch fast nichts, außer einem goldenen Vogelkäfig. Sacht stricht der Mann mit seinen dicken Wurstfingern über das Köpfchen des Vogels. Der Spatz hüpfte den Arm herab auf seine ausgestreckte Hand. Diese führte er in den Käfig und der Kleine bezog sein neues Heim. Er wurde gut und liebevoll versorgt. Der Adler spürte Freude und Frust zugleich.

Der Adler verweilte nicht länger an diesem Ort, denn er entdeckte nichts Verdächtiges. Von diesem Haus aus breitete er seine Flügel aus und flog in Richtung des Himmels. Die Freiheit fühlte sich schön und befreiend an. Die faden Sonnenstrahlen wärmten seinen Körper und ließen seine Flügel glänzen. Die vergangenen Tage ließen ihm keine Ruhe, doch hier oben konnte er seine Eindrücke für einen Augenblick vergessen. Darüber nachzudenken, war er noch nicht bereit – er musste das Gesehene und Gehörte erst einmal verarbeiten.

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