Deutschlands Maere – Teil 3 – Die Welle

Er flog ausschließlich über das Lager. Auch wenn ihn interessierte, was den Spatzen in die Berge getrieben hatte, so hatte er jetzt keinen Kopf dafür, sich damit auseinanderzusetzen. Langsam wurde ihm bewusst, dass sein Schlaf einen hohen Preis hatte, den er noch nicht bestimmen konnte. Doch er ahnte bereits, dass er Konsequenzen nach sich zog und ziehen würde.

Die Sonne ging unter. Die Müdigkeit breitete sich erneut in ihm aus und er sehnte sich einfach nur nach Ruhe und Schlaf, um die Dinge um ihn herum für einen Augenblick vergessen und ausblenden zu können. Doch er wagte es nicht, bis er keine andere Wahl mehr hatte.

Der nächste Morgen brach heran, von der Nacht hatte er nichts mitbekommen. Mit neuem Mut brach er zum Lager auf. Wie üblich verschaffte er sich erst einmal einen Überblick, bevor er handelte.

Auf den ersten Blick schien alles wie die Tage zuvor auch schon zu sein. Die Menschen hatten sich weitgehend in ihren Häuser verschanzt, um Kraft für die lange Nacht zu sammeln. Um sich die Zeit zu vertreiben, beschloss er, den Mann mit dem Spatz noch einmal zu besuchen. Er fand niemanden in dem Haus vor, weder den Spatz noch den Mann. Der Käfig stand offen, genau wie die Eingangstür, doch es schien niemanden zu scheren. Dabei könnte ein Spaziergang in dieses Haus all ihre Sorgen lösen. Er begann das Lager nach weiteren Orten dieser Art abzusuchen und schon bald wurde er fündig. Sie alle waren nach dem gleichen Schema aufgebaut, sie alle waren wohlhabend und vermögend. Und ein jeder von ihnen hatte einen anderen Käfig für einen anderen Vogel bei sich stehen.

Wo waren all diese Menschen, diese Vögel? Warum waren sie nicht in Sicherheit? Wenn ein Spatz – oder irgendein anderer Vogel dieser Art – um diese Jahreszeit in die Weiten der Berge floh, so musste im Tal etwas geschehen sein, dass sie in die Flucht getrieben hatte. Dessen war er sich sicher. So war es schon immer gewesen und der natürliche Verlauf der Dinge. Und er hatte keinen Grund zur Annahme, dass es dieses Mal anders sein könnte, denn seine Menschen würden ihn niemals verraten.

Den ganzen Tag über strömten vereinzelte vermögende Menschen durch die graue, verweste Stadt, zusammen mit ihren Vögeln. Er musste mit einem der Vögel reden, seine Aufmerksamkeit gewinnen, um zu erfahren, was vorgefallen war. Und wenn es ihm keiner verraten sollte, so würde er eigenständig ins Tal aufbrechen, um es in Erfahrung zu bringen.

Der Tag war ein verschwendeter. Er wurde nicht fündig auf seiner Suche nach Antworten. Doch kaum, dass er wieder auf der Turmpsitze des Lagers gelandet war, bot sich ihm ein verstörender Anblick: Im Abendrot der Sonne zog ein Vogel nach dem anderen in die Berge.

Schreibe einen Kommentar