Deutschlands Maere – Teil 1: Der Abgrund

„Deutschland ist uneins.“

Diese Kundgebung riss den Adler unsanft aus seinem Schlaf. Schlaftrunken richtete er sich auf, breitete seine Flügel aus. Die ersten Flügelschläge ermüdeten ihn. Doch das sich ausbreitende Entsetzen trieb ihn weiter und weiter an. Bis er den dunklen Nachthimmel erreichte.

Wie ein Heer aus Ameisen standen sie alle auf einen Fleck, hoch oben auf der Spitze des Berges. Der kalte Wind hauchte ein leises Klagelied, gleich dem Echo einer Vergangenheit, die mit dem Tod nicht endete. Ein leises Stöhnen, dass sich in das Gedächtnis brannte und  die Haare auf der Haut zu Berge stehen ließ, selbst wenn der letzte Ton schon lange verklungen war. Seine Menschen waren nicht länger in der Lage zu unterscheiden.

Der Adler, der über den Köpfen all jener Menschen dort unten kreiste, beobachtete ohne  jegliches Verständnis ihr Treiben. Einst erkannte er von oben drei gleißende Farben, die ein jeder für sich alleine und zugleich alle gemeinsam in den Himmel strahlten. Sie sind noch da. Sie sind nicht verloren. Sie haben sich nur untereinander vermischt, zu einem seltsamen, hässlichen Braunton – mal mehr, mal weniger intensiv.

Für ihn bot sich eine andere Perspektive. Er erkannte nichts weiter als eine jammernde Herde, gemeinsam und brav auf einen Abgrund zutrippeln. 20 Jahre lang in einem gemächlichen Tempo, zuletzt zunehmend schneller. Sie bemerkten nicht, dass sie durch das Gedrängel, Gehetze und Geschnauze einander nur noch mehr anspornten, sich noch schneller bewegten. Und je mehr sie sich wehrten, desto mehr schlugen sie um sich. Die Zielgerade des politischen Suizides war nur noch wenige Meter entfernt, in greifbarer Nähe.

In einem langsam Gleitflug stieg das edle Tier tiefer und tiefer hinab. Er liebte seine Geschöpfe, seine Vertreter. Ihr Verhalten ließ seine Farben ergrauen, den Glanz seiner Federn verblassen. Er musste verstehen, warum sie sich freiwillig zur Ader ließen.

Die erste schmerzliche Erkenntnis des Adlers drang in sein Bewusstsein: Seine Menschen sahen den Abgrund nicht, auf den sie mit überwältigender Sicherheit zusteuerten. Ihre Wahrnehmung, die sie Moral, Recht und Wissenschaft nannten, war nicht die seine.

Sie entsandten ein paar wenige Späher. Die, die zurückkehrten, wurden angehalten zu schweigen. Die, die sprachen, stürzten bei der Erkenntnis des Unausweichlichen freiwillig  in den Abrund hinein – oder erhielten die notwendigen Hilfsleistungen. Ein paar wenigen der Sehenden gelang die Flucht. In Eile strömten sie den Weg in das Tal zurück, den sie über viele Jahrzehnte hinweg mühevoll zurückgelegt hatten: wieder landeinwärts.

Sie suchten Zuflucht in Höhlen, denn sie wagten es nicht, sichtbare Zelte, oder gar Hütten, aufzustellen. Denn je höher die Menschen stiegen, desto überschaubarer wurde das Tal ihrer Vergangenheit. Der Dämonenfürst der letzten beiden Kriege hatten sich bereits vor Jahren zurückgezogen. Die neue Generation hat die Leiden des Krieges nicht zu Gesicht bekommen, kann sie weder fühlen noch verstehen. Sie wussten nicht, dass das, was sie sahen, lediglich die Löcher in der Menge waren. Sie hatten keinen Vergleich.

Kaum einer der Menschen oben besaß Kenntnis darüber, was mit den Rückkehrenden geschehen war. Und ein noch geringerer Anteil wusste, dass es sie jemals gegeben hatte. Denn auf die Warnungen, die sie auf ihrem Rückweg aussprachen, wollte keiner höre. Es klang nach einem Roman. Einem übertriebenen Verschwörungsfilm. Einem spannenden Radio-Hörbuch. Sie waren doch einfach nur verrückt und paranoid und es war eine Wohltat, diese Propheten nicht mehr in seiner Mitte zu haben! Der Adler registrierte sie, beschloss aber, sich ihnen später zuzuwenden. Im Gegensatz zu den anderen, waren sie in Sicherheit.

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