Auch der Asphalt hat Gefühle

„Du kannst die Kippe hier nicht so einfach ausdrücken!“, ertönt eine helle, aber dennoch piepsige Stimme über mir, während ich kniend meine Zigarette auf dem Gehweg neben der Mülltonne ausdrücke. Ich blicke zu dem Geschöpf vor mir auf, das in ein lockeres, grünes Oberteil – vermutlich eine Bluse, daran hängen schlecht festgenähte Knöpfe -, dass ihre kurzen, gefransten Jeansshorts nahezu vollständig bedeckt. Ihre gewellten, strohigen, hellbraunen Haare und die runde Brille auf der kleinen Stupsnase runden die äußere Erscheinung ab. Genau wie die flachen, abgetragenen Schuhe und das Blümchen-Haarband. Und alles aus ökologischer Herstellung. Quasi Bio.

Ich richte mich auf – den Stümmel noch immer in der Hand – und blicke sie einfach nur an. Ja, sicher. Wie konnte ich das vergessen? Alles um uns herum ist lebendig. Selbst der arme Asphalt, auf dem ich so achtlos meine Kippe ausgedrückt hatte. Da! Jetzt sehe ich auch die Brandnarbe, die ich darauf hinterlassen habe. Diese Narbe wird wohl niemals verheilen. Die Annahme, dass es genüge, die Kippe auf dem Boden auszudrücken, um sie danach in dem Mülleimer zu entsorgen, war wohl irrig und ungenügend. Dass ich meinem eigenen Körper schädige, oder all den Lungen um mich herum löchere, ist zweit- wenn überhaupt – oder drittrangig.

Die Zigarette entsorge ich im Mülleimer, wie geplant, während ich mich höflich bei ihr bedanke: „Vielen Dank für den Hinweis.“

Mein Tonfall war wohl etwas zu kühl, denn sie erwidert prompt: „Denkst du, dass das reicht?“ Dass man unbekannte Erwachsene siezt, behalte ich erst einmal für mich. Vielleicht brachten auch das mir meine Eltern falsch bei.

Eigentlich muss ich den Bus erwischen. Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch Zeit für einen höflichen Austausch mit dieser für die Umwelt engagierten Frau habe. Ganz so, wie ich es von meinen Eltern gelernt habe. Die es wiederum von ihren Eltern gelernt hatten. Und ich nahm an, so würde ich auch meine Kinder lehren. Jetzt habe ich doch ein wenig Zweifel.

„Es gibt spezielle Mülleimer dafür. Da vorne ist einer!“, setzt sie ihre Rede nun etwas lauter fort. Inzwischen gaffen die ersten Schaulustigen uns an. Eingreifen tut niemand. Sie hebt ihren Arm und zeigt mit dem Zeigefinger auf etwas, am anderen Ende der Straße. Ich kann es kaum erkennen.

„Ich merke es mir“, erwiderte ich nur. Die Sache sollte erledigt sein. Aber nein. Ich bin wohl auch nicht 28, sondern 12. Und mein Vergehen muss mindestens ein Ladendiebstahl von 100DM – äh, ich meine Euro – sein.

„Klar. Und das nächste Mal wirfst du sie wieder einfach auf den Boden. Ich kenne Menschen wie dich. Ihr mit euren Dieselautos und Kippen richtet unsere Welt zugrunde. Warum kapiert ihr das denn nicht?“ Oh. Verstanden. Deswegen bin ich ja auch extra in die Knie gegangen. Neben der bepissten Mülltonne. Das ist ja auch deutlich einfacher, als sie einfach fallen zu lassen.

Inzwischen hat sich um uns eine Traube gebildet. Fasziniert und belustigt sehen sie uns zu. Vermutlich, weil ich mich hier gerade lächerlich mache.

Ich bin eben mit 28 zu alt und nicht mehr up to date, um die Ambitionen, Werte und Motivationen der jüngeren Generation wirklich verstehen zu können. Wir haben wohl seit den 50ger Jahren zu sehr auf die Menschen und den höflichen Umgang mit ihnen geachtet. Aber heute ist die Umwelt von Bedeutung. Auf ein verhältnismäßig kleines Feuerwerk im Laufe des Jahres, z.B. für das Seenachtfest in Konstanz, können wir gerne verzichten. Dieses ist ja auch deutlich schädlicher als das bisschen Feuerwerk an Silvester. Dieselfahrzeuge gehören verboten, weil sie durch die Schadstoffe der Umwelt schädigen. Das die Messwerte am Menschen und nicht an Bäumen gemessen werden, ist auch vollkommen logisch. Kerzen sind erlaubt, auch wenn sie im Vergleich stilles Gift für unsere Nasen sind. Es ist wichtiger Produkte mit „Öko“ und „Bio“-Siegel zu kaufen, als darauf zu achten, seinen Müll ordentlich zu entsorgen oder zu seinen Nachbarn freundlich zu sein. Die vertragen ja auch überhaupt keine Kritik. Ich bin wohl einfach zu alt, um das nachvollziehen zu können.

Ein dürrer Kerl mit dunklen Haaren und unordentlicher Kleidung schreitet zügig auf uns zu. Seine Körperhaltung scheint bedrohlich zu wirken. Aber seine Mundwinkel zucken verräterisch. Schützend legt er seinen Arm um sie, nachdem er uns erreicht hat. Ihr Freund muss zu ihr halten. Ob er will, oder nicht.

„Gibt es hier ein Problem?“, erkundigt er sich höflich. Ich schüttele meinen Kopf und blicke ihn fest an. „Meinerseits nicht. Wir sind unterschiedlicher Meinung und kommen nicht auf einen gemeinsamen Nenner. Drum schlagen können wir uns ja heute schlecht.“ Er lacht auf.

„Ja. Das wäre wirklich einfacher“, stimmt er mir zu und zieht seine Freundin von mir weg.

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