Aus dem Leben eines Anglers

Freitagabend.

Thomas Woche war mehr als lang. Er ist Reklamationssachbearbeiter – die Putzfrau der Firma. Kommen Kundenbeschwerden über defekte Geräte hinein, muss er nicht nur das Gerät auf Fehler untersuchen. Er muss auch den Kontakt zwischen dem Kunden und der Firma managen. Entwickler und den Vertrieb muss er auf ihre Fehler hinweisen, damit die Fehler künftig vermieden werden können. Dankbar sind die Menschen nicht. Tadel nehmen sie zu oft persönlich. Daher ist er mehr als erfreut, dass an diesem Abend die Sonne hinter einigen Wolken scheint. Es ist nicht zu warm und auch nicht zu frisch. Diffuses Licht. Und damit das ideale Angelwetter.

Seine Sachen warten in der Garage nur auf ihn: Eine Angeltasche und eine kleinere Kühltasche mit Verpflegung. Die Kühltasche erfüllt einen doppelten Zweck: Den gefangenen Fisch kann er darin lagern. Und das ist nicht nur Wunschdenken: Thomas fängt in der Regel immer was.

Freudig stellt er fest, dass die Kühltasche bereits von seiner Frau mit einem Brot und einer Thermoskanne voll Tee gepackt wurde. Er kann direkt aufbrechen. Die ganze Woche freut er sich schon darauf. Er hat nicht viel Zeit für sich alleine. Deswegen schätzt er diese Abende umso mehr. Sie sind ihm heilig.

Als er den See erreicht, streicheln sanft die Sonnenstrahlen seine Wange, als würden sie ihm sagen wollen: „Leg jetzt los!“ Und das lässt er sich nicht zwei Mal sagen. Er packt seine Rute aus. Fröhlich pfeifend steckt er seine Rute zusammen. Herumliegende Bierflaschen, Plastik und anderen Müll, sammelt er auf und entsorgt sie im nahe gelegenen Mülleimer. Die Montagen sind fertig gebaut. Nach wenigen Minuten kann er schon loslegen.

Bereits der erste Wurf sitzt perfekt. Er wartet, bis der Köder mit samt Montage ein wenig absinkt. Als die Spannung der Schnur abnimmt, kurbelt er ein wenig ein. Sie muss auf Spannung gehalten werden, um jeden Biss spüren zu können. Barsche – Bodenseekretzer – sind sein Ziel. Jeden Moment muss er aktiv sein. Keinen Moment darf er unachtsam werden. Die Gefahr besteht nicht nur darin, einen Biss zu verpassen oder einen Fisch zu verlieren. Wesentlich schlimmer wäre ein Hänger. In diesem Fall kann er nur beten, seine Montage als Ganzes wieder aus dem Wasser zu holen.

Thomas ist nicht der Einzige, den es an diesem Abend an den See verschlägt. Es ist eine der wenigen gut zugänglichen Stellen in Meersburg, die nur selten von Touristen überrannt werden. Es ist kein öffentlicher Badestrand. Nach starkem Regen ist der Bereich nicht länger zugänglich. Aber nicht für Angler – diese Gruppe von Menschen findet immer einen Weg. Heute ist das Wasser artig und der Strand wunderschön. Es ist windstill.

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