Aus dem Leben der Demonstranten

Am Samstag fanden sich in Singen über 100 Menschen zusammen, um gemeinsam unter dem Motto „Lass uns anders sein, damit sich endlich etwas verändert!“ zu demonstrieren. Was bewegt diese Menschen auf die Straße zu gehen? Was sind ihre persönliche Motive und Gründe? Hier eine Reportage dazu:

„Angst ist selten ein guter Ratgeber“

Als Karina an diesem Morgen ihre Augen aufschlägt, hat sie Angst. Zum ersten Mal wird sie vor einer größeren Menschenmenge sprechen, auf der Kundgebung und Demonstration am Rathaus in Singen. Als erfahrene Therapeutin fühlt sie sicher im Umgang mit Menschen. Das hier ist anders. Es betrifft sie persönlich – ihren Herzenswunsch. Sie will nicht nur, sie muss mit den Menschen sprechen und ihre Gedanken mit ihnen teilen. Wenn sie auch nur einen einzigen Menschen erreichen könnte, hätte sie mehr geleistet, als sie zu hoffen wagte.

Während Karina in Gedanken ihre Rede immer und immer wieder durchgeht, den Schweiß von ihren Händen an der Kleidung abwischt, finden sich in der Innenstadt bereits die ersten Menschen zusammen. An diesem Tag finden zwei friedliche Demonstrationen statt – eine um 10 Uhr und eine um 15:30 am Rathaus, bei der auch Karina zu Wort kommen wird. Alle Teilnehmer haben sich ordentlich aufgestellt und mit einer ausdrucksstarken appellierenden Ansprache, spricht der Organisationsleiter Helmut zu den Menschen. Die mit sichtbarer Hingabe gebauten Schilder haben sie sich umgehängt oder an der Kleidung festgeklebt. Besonders das Häschen zieht die Blicke der Menschen auf sich.  Einige bleiben stehen und hören sich die gesamte Ansprache an. Andere lauschen kurz, rümpfen die Nase und ziehen wieder davon, leise ihren Missmut über die Aktion vor sich her murmelnd. Unter den Teilnehmern selbst herrscht ein respektvoller und höflicher Umgangston, gleich dem Paradebeispiel aus einem Ratgeber.

Entschlossen und doch eine Briese von Unsicherheit

„Jeder Mensch sollte sich auf der Grundlage der aktuellen Fakten fragen: Was kommt eigentlich auf uns zu? Jeder sollte das Recht haben, sich seine eigene Meinung zu bilden!“, erklärt Heidi entschlossen ihre Beweggründe. Ihre Stimme klingt sicher, doch in ihren Augen liegt Angst. Wiederholt wirft sie ihre langen Haare zurück. Noch nie zuvor hat sie an einer Demonstration teilgenommen, war noch nicht einmal politisch aktiv. Aber als Gesangslehrerin pflegt sie regelmäßigen Kontakt zu Jugendlichen und als Mutter zweier Kinder, trifft der bloße Gedanke einer Impfverpflichtung einen schmerzenden Nerv bei ihr: „Ich war bisher immer zufrieden. Ich finde, die Regierung hat auch bisher vieles richtig gemacht. Aber das geht zu weit. Es gibt auch andere Möglichkeiten! Es sollten mehr Fachleute zu Wort kommen können.“

Daniel, ein Familienvater über 50, und sein Freund, unterhalten sich anschließend angeregt. Sie nehmen nicht daran teil, weil sie wollen: der Ernst steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Sie fühlen sich „von der Regierung gezwungen“. Viel lieber würden sie jetzt mit ihren Familien etwas unternehmen – sie geben es offen zu. „Ich will nicht hinterher sagen müssen, ich hätte nichts getan“, gibt Daniel zögerlich seine Motivation preis. „Es sind keine Verschwörungstheorien mehr. Die Faktenlage spricht für sich. Der Fokus liegt auf den Toten, nicht den Genesenen. Angst war noch nie ein guter Ratgeber“, pflichtet ihm sein Freund bei.

Insgesamt liegt eine Brise von Unsicherheit in der Luft, ähnlich dem vorbeiziehenden frischen Wind. Nicht nur für Karina, Heidi und Daniel, sondern für die meisten ist es das erste Mal. Immer wieder blicken sie sich um, als rechneten sie jedem Moment mit dem Schlimmsten oder einer Gegendemonstration. „Ich möchte nichts Falsches sagen. Das ist meine persönliche Meinung“, ist der häufigste Schlusssatz an diesem Tag. Der Organisationsleiter sieht darin jedoch kein Problem. Ohne zu zögern, verteilt er das Informationsmaterial. „Da stehen keine Geheimnisse drin“, kommentiert er mit einem sanften, verständnisvollen Lächeln.

Teilnehmer aus den unterschiedlichsten Richtungen und Strömungen

Während die Teilnehmer am Morgen ihre Kundgebung noch im kühlen Schatten hielten, haben die Demonstranten am Nachmittag weniger Glück: Die Sonne knallt die gesamte Kundgebung über auf sie herab. Junge und ältere Menschen, Familien, Paare aus unterschiedlichen politischen Strömungen und unterschiedlicher Herkunft bereiten sich alle gemeinsam auf die Kundgebung vor. Vorsorglich sind 18 Ordner anwesend, sofort ins Auge stechend durch ihre gelben und orangenen Westen. Die einen zappeln unsicher auf der Stelle, die anderen beginnen bereits verantwortungsvoll und stolz den anderen Teilnehmern zu helfen. Bevor die Kundgebung beginnt, nimmt sich der Organisationsleiter Klaus noch die Zeit, ein paar motivierende Worte an alle Teilnehmer zu richten. Es zeigt seine Wirkung.

Die Verordnungen stoßen auch auf Unmut. Ein älterer Gentleman stemmt empört seine Arme, stampft auf den Boden und bringt sein umgehängtes Pappschild zum Beben. So ginge das nicht. Das mache er nicht mit. „Ich werde mir dieses Ding nicht aufsetzen. Eine Stunde lang in der Sonne damit. Spinnen die?“, protestiert er gegen den Mundschutz. Wie versprochen, zieht er es bis zum Schluss durch: Er bleibt außerhalb, hält den Sicherheitsabstand ein. Keiner kommentiert seinen Ausbruch.

Ein abwechslungsreiches Programm

Nach ein paar einleitenden Worte durch den Versammlungsleiter stimmt Tobias ein Lied auf seiner Gitarre an. Mit einnehmender Stimme singt er dazu. Schweigend lauschen alle – selbst die meisten Kinder sind ruhig – bis er den letzten Ton verklingen lässt.

Ein Redner nach dem anderen tritt vor und beginnt zu sprechen. Ein jeder von ihnen stellt sich vor, doch nicht nur mit dem Namen. Offen und hörbar aufrichtig verraten sie ihre Beweggründe, ihren familiären Status, ihren Werdegang – eine ehemalige Kriminalhauptkommissarin mit 20 Jahre Berufserfahrung, ein Fotograf und ein Ingenieur finden sich unter ihnen.  Jeder hat seine eigene Art, um Zugang zu den Menschen zu finden. Sie vermitteln geschlossen eine Botschaft: „Bildet euch eure Meinung selbst“.

Ein Programmpunkt hinterlässt bei allem Eindruck einen bleibenden Eindruck, denn es gibt wohl kaum keinen Menschen, der nicht gehört werden will: „Wer von euch seine Meinung kundtun möchte, kann dies nun tun. Wir wollen eure Meinung hören.“ Drei Erwachsene äußern sich. Aber Erinnerung bleiben wird ein Junge von acht Jahren, der vorsichtig seine Mutter am Arm berührt und ihr etwas zuflüstert. Kurz darauf tritt er vor, nimmt das Mikrofon in die Hand und vermittelt kurz und klar sein Anliegen: „Ich möchte wieder zur Schule gehen, damit ich meine Freunde sehen kann.“ Die Teilnehmer versinken in Applaus und Jubelrufen. Die Stimme des Kindes dringt ohne Umwege in ihre Herzen ein. Nur Mathias und sein Freund verlassen an dieser Stelle kopfschüttelnd den Platz.

Die Reaktionen der Zuschauer sind gemischt

„Viel zu emotional. Sie macht genau das, was sie bei anderen kritisiert“, bemängelt der Zuschauer Mathias trocken. „Karina hat mir aus der Seele gesprochen. Ich will nicht länger die Angst meiner Eltern weitertragen“, flüstert Anna mit zitternder Stimme und Tränen in den Augenwinkeln. „Und was sollte diese Musikeinlage?“, beschwerte sich Mathias weiter über die musikalische Denkpause zwischen den Ansprachen. Anna sieht das anders: „Das war genau das, was ich gebraucht habe!“

Die Kundgebung neigt sich dem Ende zu. Karina sieht nicht nur glücklich aus, die Freude zeigt sich in ihrer gesamten Körperhaltung. Es waren nicht viele gekommen, doch sie ist sich sicher, dass sie nicht nur einen Menschen zum Nachdenken gebracht hat – genau das, was sie wollte. Heute Nacht wird sie gut schlafen. Und welches Ergebnis die Menschen aus dem heutigen Tag ziehen, liegt nicht mehr bei ihr.

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