Ein wenig Sonne, ein wenig Licht

Seit Beginn der Krise verändert sich das Leben um uns herum in einem rasenden Tempo. Ich behaupte ganz dreist, dass kaum einer von uns die Veränderungen bemerkt, aber jeder von uns reagiert darauf. Die einen genießen die Zeit und finden zu sich, die anderen verstricken sich in Wut und Angst. Einen Mittelweg scheint es für keinen von beiden zu geben und die, die ihn gehen, werden aus Ignoranz und Verblendung ständig vor die Wahl gestellt. Verständnis wird für gerade diese Gruppe kaum aufgebracht.

Zu Beginn der Corona-Zeit war ich recht euphorisch. Nicht, weil das gut fand oder nicht ernst nahm oder setzt ein, was euch passt. Es war einfach schön, viel Zeit zu Hause mit meinem Mann verbringen zu können – etwas, was in der heutigen Leistungsgesellschaft eigentlich nur im Urlaub richtig machbar ist. Ansonsten heißt es Arbeit, Haushalt und sonstige Verpflichtungen. Arbeit, arbeit, Arbeit, arbeit – jeglicher Art. Ich behaupte, selbst Hobbs wurden für die meisten zur Arbeit. Schließlich musste ja irgendwie alles zeitlich unter einen Hut gebracht werden.

Es ging. Mir ist es nicht aufgefallen und schlecht fand ich es schon gar nicht. Ich war es eben gewohnt, wie die meisten von uns. Und dann wurden wir auf einmal alle in unseren Wohnungen und Heimen „eingesperrt“. Ich verwende bewusst dieses Wort. Wenn wir es lesen oder hören, sträubt sich etwas in uns, obwohl wir es selber inflationär verwenden. Aber es ist immer eine andere Sache, wenn es die anderen machen und nicht man selber. Nicht wahr?

Ich gehöre sicher nicht zu den Menschen, die sich über mangelnde Freizeit beschweren können oder sollten. Ich habe diese Zeit genossen – denn nun war es offiziell und gewünscht. Mein Timemanagment war ganz plötzlich gut und nicht mehr seltsam. Ich war glücklich, auch wenn die Umstände keine nette Umschreibung finden lassen.

Aber so ging es nicht anders. Die Arbeitstiere, die an ihr Umfeld und ihre Kollegen gewohnt sind, traf das schwer. Anstatt auf der Arbeit für Ordnung zu sorgen und die Welt zu retten, sitzt man das Tier nun daheim bei seiner Familie. Niemand zum rumkommandieren. Und ein Terrain, auf den sie selber sonst nur wenig Zeit verbracht haben. Kontakt zu den Nahestehenden, die ebenfalls von zu Hause aus arbeiten, und plötzlich sieht man ganz andere Seiten aneinander.

Der Mensch, den man glaubte seit Jahrzehnten zu kennen, scheint auf einmal ganz und gar nicht der zu sein, denn man damals kennen und lieben gelernt hat. Das gesamte Familienverhältnis wird in Frage gestellt: Welches Gesicht ist nun das echte? Das, das man selber kennt, oder das, das der Partner gegenüber den Arbeitskollegen und Geschäftspartner aufzieht? Früher hat sich diese Frage nicht gestellt. In der Theorie – aus Erzählungen des Gegenübers – wusste man doch alles. Weiß es noch immer. Aber es zu sehen…

Der Vater, der sonst so liebevoll war, dreht nun durch. Die Kinder gehen ihm auf die Nerven. Das er in Home-Office von zu Hause arbeitet, bedeutet nicht, dass er nun mit ihnen den ganzen Tag spielen oder sich ihr Gelaber anhören kann. Nicht, dass es ihm abends oder im Urlaub etwas ausgemacht hätte. Doch jetzt muss er arbeiten. Ihr Einkommen, dass ohnehin diesen Monat geringer ausfallen wird, hängt davon ab. Und damit ihre Existenz. Aber für die Kinder gilt nur: „Papa ist doch da. Warum spielt er nicht mit mir? Warum schreit er mich an, wenn ich zu ihm komme? Hat er mich nicht mehr lieb?“

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