Deutschlands Maere – Teil 2: Das Lager

„Deutschland ist taub.“

Diese Wahrheit traf den Adler schmerzlich. Seit Tagen zog er seine Kreise über dem Lager der Menschen, beobachtete ihr Handeln, ihre Worte und ihr Treiben. Die ersten Tage hielt er sich bedeckt, fürchtete die Reaktion, wenn die Menschen seine Pracht erblickten – wie in einst vergangenen Tagen. Doch schon bald wurde ihm klar, dass sein Verstecken überflüssig war. Sie konnten ihn weder sehen noch hören.

Einige Tage bereitete er sich einen Spaß daraus, so nah wie möglich an die Menschen heran zu fliegen und in ihre Ohren zu schreien. Nur die wenigsten registrierten auch nur einen Windhauch. Doch dadurch erhielt er einen kleinen Einblick in ihre Lebensweise. Riskante Geschäfte führten zu Verlusten und Zahlungsverpflichtungen wurden nicht eingehalten. Es war eines der Themen, über das sie ununterbrochen sprachen, als gäbe es nichts anderes mehr auf der Welt. Natürlich hatte auch er davon gehört, fühlte mit den Leidenden. Auch ihn betraf es. Niemals hätte er geahnt, wie schlimm es wirklich um sie stand. Er hatte es nicht vermutet, die Nachrichten nicht ernstgenommen, denn schlecht war es ihm in seinem Schlaf nicht ergangen. Sicherlich auch nicht gut, aber er hatte keinen Bedarf gesehen zu klagen, denn er war am Leben und konnte ruhen.

Sein Gemütszustand schwang zwischen Resignation und Verzweiflung: Was band ihn noch an diese Menschen, die seine Existenz – der Grund für ihre eigene – noch nicht einmal mehr wahrnahmen? Wollten sie ihn nicht sehen? Nicht hören? Oder reichten seine Anstrengungen einfach nicht mehr aus? In seiner Verzweiflung verließ er das Lager und flog tief in den grünen Wald hinein. Die frische Luft und die Natur halfen ihm zwar nicht Klarheit über die finanziellen Folgen und Sorgen zu erlangen, doch zumindest konnte er sich ein wenig erholen und sein Blick auf etwas Schönes richten. Es war eine willkommene Ablenkung.

Am dritten Tag erreichte er einen kleinen klaren See. Mit sanften Flügelschlag ließ er sich auf der ausgebrannten Wiese nieder. Er blickte sich um und schien vollkommen allein zu sein. Erst jetzt registrierte er die Erschöpfung, seine eigene Schwäche. Die letzten Wochen hatten ihn seiner Zeit und Kraft beraubt. Er verstand seine Menschen noch immer nicht. Und er wusste auch nicht, ob er es noch wollte.

Einen Tag und eine Nacht lang betrachtete er sein eigenes Spiegelbild im Wasser. Hatte er schon immer so ausgesehen? Er erkannte seine eigene Farbe nicht mehr, all seine Federn waren ausgeblasst. Sein Spiegelbild in dem blauen See war winzig. War seine Gestalt als Riese nur eine Fantasie und Selbstbetrug gewesen?

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