Deutschlands Maere – Teil 2: Das Lager

Er blickte auf die Pflanzen und Sträucher um sich herum. Er konnte sich erinnern – wenn er früher seine Flügel geschlagen hatte, um abzuheben, hatte der Wind, den er verursacht hatte, alles in seinem Umkreis in die Ferne schleudern können. Wenn er es gewollt hätte. Er spreizte seine Flügel. Doch er hob nicht ab. Zwei Schläge und sein Spiegelbild hatten gereicht, damit er eine elementare Wahrheit verstand:

Er hatte seine altertümliche Würde und Größe gänzlich verloren. Er konnte keinen vernichtenden und auch keinen segnenden Wind mehr spenden. Sein Glanz, seine Pracht, seine Macht – sie waren während seines Schlafes verschwunden. Und er wusste nicht, wann oder warum es passiert war, denn er hatte schon immer vom Glauben seiner Menschen gelebt, den sie über zwei Kriege hinweg nicht verloren hatten. Was war jetzt anders?

Er rief sich die Bilder in den Kopf, die er in den letzten Tagen gesehen hatte: All diese bunt Gekleideten, die jeder für sich alleine die Straße auf- und abliefen. Ein jeder von ihnen in sein eigenes Selbstgespräch vertieft. Die einen maulend und in der Vergangenheit versinkend. Die anderen fordernd und von einer gleichen Zukunft für alle träumend. Sie hatten nicht miteinander gesprochen. Noch nicht einmal einander registriert. Sie mieden den Tag und das Licht der Laternen bei Nacht, wie sie einander mieden.

Einige gingen einander gezielt aus dem Weg und unterhielt sich nur mit Gleichgekleideten, so schwer diese auch zu finden waren bei der Vielfalt an Farben an einer einzigen Person. Andere verstießen sie aus ihrem Leben. Und Letzteren suchten sich ihre Komplementärfarben und provozierten sie gezielt. Keiner von ihnen fand je eine Einigung, den sie hörten einander nicht zu. Es war nicht nur ein Verständnisproblem, wie er am Anfang angenommen hatte. Sie waren taub.

Dann waren da noch Menschen, die er nicht zuordnen konnte – Männer und Frauen in Schwarz. Sie hielten sich abseits von allem, standen Tag und Nacht reglos da. Die Bunten bemerkten sie nicht, die Schwarzen waren für sie Löcher in der Menge. Sie griffen nie ein, ließen die anderen streiten, sich ignorieren und gegenseitig zerstören. Der Adler erhielt beinahe den Eindruck, dass sie auf etwas warteten. Nur in zwei Fällen sah er die Schwarzen vortreten und eingreifen.

Die betroffenen Bunten verschwanden danach und wurden nie wieder gesehen. Und die restliche Zeit… Worauf warteten sie und warum griffen sie nicht ein? Jetzt, wo der Adler näher darüber nachdachte, musste er feststellen, dass sie immer wieder durch ihn hindurchgeblickt hatten – genau in seine Richtung und keine andere. Hatten sie ihn erkannt?

Er wusste es nicht. Es spielte auch keine Rolle für ihn, denn sie hatten ihn genauso missachtet, wie all die anderen.

Kaum, dass er sich traurig diesen Gedanken vor Augen geführt hatte, vernahm er einen Laut, der nicht zur Natur gehörte. Augenblicklich spreizte er seine Flügel und erhob sich vom Boden – ein Schutzinstinkt. Mit einer leichten Zufriedenheit sah er, dass er wenigstens dieses Mal die Grashalme um sich herum zum Wackeln gebracht hatte. Dann blickte er in die Richtung, aus welcher er den Laut vernommen hatte.

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