Deutschlands Maere – Teil 2: Das Lager

Nur einen Schatten im schwindenden, rotem Sonnenlicht erblickte er. Ohne lang zu überlegen, folgte er ihm, denn es war der einzige Hoffnungsschimmer, den er hatte. Dennoch achtete er auch weiterhin, sich bedeckt zu halten. Er wollte nicht gesehen werden, bis er sich nicht sicher war. Es war kein Schatten, sondern einer der schwarz Gekleideten, der den Pfad durch den Wald entlang lief. Raus aus dem Wald, vorbei an abgeholzten Bäumen und verseuchten Flüssen, die der Adler zuvor selbst aus der Luft nicht erblickt hatte. Der Anblick schmerzte ihn und er verstand zumindest das Anliegen der grün Gekleideten. Sie waren hier vereinzelt anzutreffen in dem Versuch, etwas noch zu retten. Sie zogen an verlassenen und zerstörten Gebäuden, Sägewerken und Feldern vorbei, die seine Menschen mit keinem Wort erwähnten.

Im Morgengrauen erreichten sie ein Haus am Rande des Lagers, als die meisten Menschen sich wieder in ihre Häuser verkrochen. Obwohl er keinesfalls den Mann aus den Augen verlieren wollte, riskierte er den einen oder anderen Blick in die Wohnstätten der anderen. Zu oft hatte er mitangehört, wie sie sich in den Streitereien zu den gleichen Dingen aufzeigten, wie gut es ihnen ging. Das ihr Weg der richtige sei. Der Blick in ihr Lebensumfeld verriet ihm das Gegenteil. Sie kümmerten sich nicht darum, weder um sich noch die anderen. Sie legten sich schlafen. Sie lebten alleine. Oder unter ihresgleichen. Doch von Frieden konnte keine Rede sein.

Der in schwarz gekleidete Mann betrat das Haus, genau wie alle anderen. Enttäuscht wollte sich der Adler schon abwenden, als er eine klare Frauenstimme aus dem Haus des Mannes vernahm. Zu gerne hätte er sich auf einen Ast niedergelassen. Leider fand sich keiner in der Nähe. Und so riskierte er alles und setzte sich auf den Briefkasten, direkt vor dem Küchenfenster. Und blickte hinein.

Nach allem, was er in der letzten Zeit wahrgenommen hatte, war der Anblick, der sich ihm nun bot, verstörend und beruhigend zugleich: Die Ehefrau des Mannes trug rot. Sie deckte den Tisch und sie beide nahmen Platz an den unterschiedlichen Enden. Der Tisch war gedeckt für vier. Die Frau rief nach ihren Kindern. Ein Mädchen von sechs Jahren in einem weißen Kleid und ein Junge Anfang seiner Pubertät in gold betraten den herabgekommenen und doch ordentlichen Raum. Sie nahmen Platz.

Sie speisten und unterhielten sich den ganzen Vormittag über. Es waren keine leichten Gespräche, doch die ersten, die der Adler seit langer Zeit vernahm. Immer wieder gerieten sie alle aneinander. Sie nahmen sich Zeit, um nach den Beweggründen und Motiven zu fragen. Diskutierten es aus, bis sie zumindest ein mäßiges Verständnis für einander zu entwickeln. Unterschiedliche Worte, die alle zu dem gleichen Ergebnis führten. Es war kein schönes Bild, unangenehm zum Hören. Hätten sie einen Übersetzer – wie früher – wäre es deutlich einfacher. Aber da sie keinen hatten, probierten sie es zumindest selber.

Gegen Mittag verließ jeder den Raum und legte sich in sein Zimmer schlafen. Es war das erste und letzte Mal für eine ganze Weile, dass er seine Menschen zufrieden lächeln sah. Das Lächeln des Mannes glich dabei eher einem Grinsen. Der Adler beschloss, diese Familie weiter zu beobachten. Dieses bunte Gemisch war anders, denn sie differenzierten untereinander und ein jeder von ihnen hatte eine klare, eigene Position. Selbst die Jüngste. So unterschiedlich sie auch waren, sie fanden einen gemeinsamen Weg, wenn auch keinen Nenner. Brennend wollte der Adler wissen, was diese Menschen miteinander verband. Warum sie sich diese Mühe machten, sich selber diese Bürde auferlegten.

Beinahe schlief der Adler selber am Tage ein, während er auf die Nacht wartete, um mehr zu erfahren.

Erschrocken zuckt er zusammen, als sie in der Abenddämmerung alle zusammen das Haus verließen. Im ersten Moment erkannte er sie nicht wieder, doch ihre Augen waren alle unverkennbar die gleichen wie am Abend zuvor schon. Es gab nur einen einzigen Unterschied zum Vortag:

Sie trugen blau.

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